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Thema: Doro`s indisches Brettspiel
Daniel Sieber

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Doro`s indisches Brettspiel 20.05.2008 13:23 Forum: Unsere literarischen Texte (Projektmitglieder)

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Rückstand oder indisches Carrom


Doro`s Partie endete eben vor zwanzig Minuten. Man hätte sagen können, dabei zischte ein Hauch von Übermut durch die Luft. Mitten in einem gewöhnlichen Spielzug, halb Bandenschuss, halb glücklichem Vorantreiben der Spielsteine nach dem Loch, riss sie die Arme hoch und schüttelte ihre Hände über dem Kopf. Es war nicht ihr Stoss, doch gerade deshalb lachte sie wie ein Idiot als das Holzbrett die Steine in einer für sie nachdenkenswerten Rückschlagposition abbremste. Dann zappelte sie unerwartet, mit den klatschenden Handflächen platt auf ihren Schenkeln, denn nicht ein einziger gegnerischer Spielstein war in die zusammgeknöpften Schnürsenkeln ähnelnden Stoffnetze gerutscht.

Natürlich interssiert, worum es geht? Zu sehen jedenfalls ist Doro`s Ekstase, sonst womöglich durch Starrheit verdrängt oder nach innen projiziert. Jedermann kennt das: Euphorie, die den Gesetzen der Psyche gemäß wie ein Gänseküken pariert und nun, während des doch nur zum Entspannen aufgezogenen Vergnügens, auch von jemandem wie Doro` ausgelebt werden kann.
Dorothea Bauer, laut Anmeldeformular in Cuxhaven gebürtig; klein, flink und geschwätzig (Das könnte beobachtet werden, würde hier jemand mit ihr reden). Sie log gern und viel, auf eine gewisse dumme Weise, wie es ihr eben gerade einfiel, daher waren die Angaben, die sie zu Beginn des Wettkampfs mit Ort, Datum und vermeintlichem Akademikergrad hatte unterzeichnen müssen, nicht zweifelsohne korrekt.
Der Textkonsument, der gelobt werden muss, da er in dieser Summe von Wörtern noch immer Buchstaben, Zeilen und Absätze gehirnmathematisch verwerten mag, wagt einen Blick in das dritte Level der Ausscheidungskämpfe um den Landestitel der deutschen Sektion der ersten europäischen Liga im Brettspiel Carrom: Tomas Zürner war Doro`s Kontrahent.
Er saß Doro` in dieser Partie gegenüber, weil er über die Vorrunden hinweg eine ganze Menge Versager besiegt hatte und ausreichend Turniererfahrung, sprich Sitzfleisch besaß (Er wusste vorher bereits, dass Ausdauer entscheidend war). In Folge des Begrüßungszeremoniells hätte er bei Doro` vom Akzent her auf eine Abstammung aus der Berliner Gegend getippt, vielleicht auf Königs Wusterhausen. Nach Münzwurf hatte Tomas den Anstoß ausgeführt, aber mit einem Kinnharken gleich aufgetopptem Schnickern des Zeigefingers hatte er leider auch gleich zu Beginn das eine spezielle Objekt regelwidrig in einem der Löcher versenkt. Es handelte sich um den voluminöseren und bunt bemalten Spielstein, der Streiker genannt wird (und mit welchem man die anderen Steine so hübsch anschubsen kann). Würden kommentierte Carrom-Meisterschaftsspiele im Sportteil der Zeitungen nachzulesen sein, hätte es heißen müssen >>Wie in einem Anfänger-Tennismatch war das eigene Schussrecht unglücklich und frühzeitig verloren.<<

Dorotheas merkwürdiger Reaktion wegen war nun dieser Zürner in dem Versuch aufzustehen. Er beugte den Oberkörper vor, bis seine im Schweiß brutzelnde Brust die Abschusslinie des Spielbretts erreichte und sein Blick, der mit der Macht einer Fingerkuppe beseelt zu sein schien, ihr Make-up verschmierte. Dankenswerterweise beruhigte er sich, nachdem ihm klar wurde, dass er statistisch noch immer im Vorteil war und eigentlich überlegen gewinnen musste. Regel des Spiels war zwar, dass das Schussrecht nach jedem misslungenen Shot, der spezieller geschnickert auch Slice, Rebound, Cannon, Touch oder Glance genannt werden konnte, in Hände des Spielpartners überging, er aber hatte schließlich seit Beginn bereits sechs seiner neun weißen Steinen versenkt, was an dem übrig gebliebenen Häuflein ganz offensichtlich nachzählbar war. Also fixierte er ihre wässrigen, sich künstlich zur Größe von Münzen aufplusternden Augen lediglich auf Probe, wartete aber vergebens auf Reaktion.
Erst als er zurück auf seinen Hocker glitt, wobei die gewaltige Kraft seines Körpers deutlich hervorgetreten war, die auch in Turnierkleidung (schwarz, rot, Gold, haha) Kreaturpotenzial hatte, schenkte ihr Blinzeln ihm die Nuance einer Bemerkung. Die Krempel seiner Hemdsärmel waren prall, weil das Fleisch an ihnen vorbeiwachsen wollte und seine Schultern, die mit einem Mal zurückzuckten, brachten das ganze Muskelpaket derart in Bewegung, dass sie dann doch noch ein wenig erschrak.

Die Spielsituation dieses mystischen, den Regeln des Billard ähnelnden Spiels hätte nun so geschildert werden müssen: Sie war am Zug, mit fünf Schwarzen im Rückstand, doch keineswegs chancenlos, da in ihrer linken Diagonalen der eine rote Stein lag, die Dame, die Königin oder Queen, die sie für drei Extrapunkte anklickern konnte. Tomas allerdings, der hierüber nachdachte und dabei die Finger auf dem Unterarm tanzen ließ, spielte bald mit dem Gedanken, dass ihr die für das Spiel notwendige moralische Fähigkeit fehlen könne. In Vorbereitung auf den fälligen Stoß hatte Doro, wie es üblich war, den Handballen auf dem Brett positioniert, dann aber schrie sie ein schwer zu beschreibendes >>mmhjaaha<< aus, das wie hingejodelt klang, als gebe es dem Spielzug, der folgt, einen Kick, einfach mal quer über das Feld zu brüllen (Das war unmöglich spontan ausgebrochene Freude). Als vor seinen Augen auch noch die Erste von fünf Schwarzen ins Loch hüpfte, spekulativ als Cross Shot mit Eleganz über zwei Seitenbanden geschubst, und Dorothea ebenso sicher die Queen versenkt hatte (die stirnrunzelnd in einem dreißiger Winkel angetippt worden war), bildete sich inmitten seines Mundes, der nun spitzer wurde, ein unangenehmer Geschmack. Bis kurz vor Ende des Spiels lag dieser ihm aufdringlichst auf der Zunge und rutschte dann bitter abwärts, um dem Geschmackssinn von der Speiseröhre aus intensiv wie alter Kaffee die Würze von zu viel geriebenem Muskat erleben zu lassen (Mittags hatte er mit Avocados grün eingefärbten Kartoffelbrei gegessen). Seine Haare, beatlelang, waren plötzlich wie wild durcheinander, sodass er die Hände aus der Klemme unter den Pobacken hervorkramen musste, wo er sie im Warmen versteckt hielt, und sich zweimal über den Kopf strich, bevor er erneut wie ein in Wartestellung Beute im Sinn habender Fuchs mit seinen unglaublich schlauen Blicken um sich warf: Rückstand! Vier Schwarze fehlten noch; er tupfte sich Schweißtropfen von der Stirn und sie hatte - das hätte niemand der Grünschnäbelin zugetraut -, ja, sie hatte im achten board gesiegt.
(Selbstverständlich galt es in jenen letzten Sekunden, die übrig gebliebenen Vier, die nahe der Sogwirkung an den Rändern und in den Ecken liegen geblieben waren, zeitgleich oder nacheinander zum Absturz in den Abgrund der ausgebeult niederhängenden Netze zu bewegen).

Anm.: Board ist beim indischen Fingerbillard der regelgerechte Ausdruck für das einzelne Spiel einer Partie.

- Ende -

Thema: Prolog I
Daniel Sieber

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Prolog I 21.11.2007 13:36 Forum: Unsere literarischen Texte (Projektmitglieder)

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Thema: Beispiel-Werke des Projektes
Daniel Sieber

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Anmerkungen zur Theorie der Gegensätze 12.11.2007 14:41 Forum: Vorstellung des Projektes einsICHt



Kopf-Lotse


I.


Wüssten wir wo es im Leben langgeht,
wir würden nicht immer herumhasten,
wenn es uns am Geist im Kopfe fehlt.

Könnten wir alle Empfindungen und
zwischenmenschlichen Reaktionen benennen,
hätten wir eine Ahnung von ihnen.

Mit den Empfindungen und
zwischenmenschlichen Reaktionen,
die wir noch nicht unterscheiden können,
beginnt jede Liebe,
jede Freundschaft,
jede Unterhaltung
und jede Diskussion.

Führt Liebe zwei Menschen zueinander
und erwärmen sie sich mit ihren Körpern
gegenseitig,
beginnt damit die Hoffnung auf Glück.


Denn wirklich wahr und unbestreitbar
ist folgendes:

Die Liebe ist des Menschen höchstes Gut,
die Unfriedlichkeit dessen schädlichste
Eigenschaft.

Blickt der Mensch die Liebe an,
ist er zufrieden und damit glücklich.

Sucht er nach dem Unfriedlichen,
Schädlichen, Schlechten und Bösen,
hat er das höchste Gut verkannt.


Thema: Prolog I
Daniel Sieber

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Nord - Südgefälle 05.11.2007 14:18 Forum: Unsere literarischen Texte (Projektmitglieder)

Norden liegt oben
(Süden liegt unten)


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Im Dezember des Jahres 1948, vier Tagen nachdem der Nikolaus seinen Auftritt hatte, Kinderstiefel vor Eingangstüren postiert, in Tannenzweige gebettet und gegen Morgen schließlich mit Äpfeln und Nüssen gefüllt worden waren, erklärten die Vereinten Nationen, die Menschen -und zwar alle- seien gleich an Würde und Rechten geboren.

Wenn man sich die damalige Zeit vor Augen führt, in der die Lebenserwartung des durchschnittlichen Afrikaners siebzehn, die eines Europäers hingegen fünfzig Jahre betrug, versteckt sich hinter dem geräuscharm nachklingenden Wort geboren, so wie es an die Aussage des Satzes angekettet wurde, eine Klausel, etwas Kleingedrucktes oder schlichtweg ein Fehler.

In den world fact books der US - Regierungsorganisation CIA kann jedermann nachlesen, wie unausgeglichen das Verhältnis, das den Todeszeitpunkt als Maßstab nimmt, bis heute ist. Seit ich während meiner Schulzeit von der Erklärung der Menschenrechte erfuhr, stelle ich mir daher die Frage, ob man nicht nur gleich an Würde und Rechten geboren wird, sondern gleichsam ein Recht besitzt, eben auf diese Weise auch leben und sterben zu können?

Doch genauso plötzlich wie beim Öffnen einer Küchentür sonntags mittags riecht es dann nach Ideologie, wenn weltweit und noch dazu für alle, die Speisen- und Getränkekarte eingefordert wird, die der Begriff des "würdevollen Daseins" umschreibt. Der Annäherung in den Lebensumständen steht, wie auch dem freien Zugang zu Trinkwasser, Bildung, medizinischer Versorgung oder demokratischen Strukturen, ein verwebtes, spinnennetzartiges Gestrüpp aus Interessen, wirtschaftlicher Fähigkeit, geographischer Lage, politischer Situation und historischer Entwicklung im Wege.

Bleibt nur das Abenteuer, den Gleichheitsgedanken im eigenen Kopf zu realisieren. Die an einem Kastensystem orientierte Sichtweise gläubiger Hinduisten, nach der die erneute Geburt dessen, was wir Seele nennen, auch an anderen, eher armseligeren Orten der Welt geschehen kann, mag mystisches Gedankengut sein. Wer aber wären wir, hätten wir unsere Geburt als Berberjunge, auf einem ärmlichen Bauernhof in Marokko, in der Nähe von Fes, am Rande des hohen Atlasgebirges erlebt?

Man stelle sich sandige Wüstenwinde vor, eine Horde am Fluss saufender Affen, die unerträgliche Hitze im September und jene, aus gebranntem rotem Lehm erbauten Fassaden, in deren Schutz man ins Dasein taucht. Die Konstellation der Sterne mag gut gewesen sein und das genetische Material kapital.

Yussuf Mohammed Salachim zum Beispiel, Reza genannt, hatte dreizehnjährig erkannt, dass das bisschen Land, das seiner Familie gehörte, die Alten, ihn und dreizehn Geschwister kaum ernährt. Daraufhin überlegte er, wie es anderswo für ihn sein könne und je länger er nachdachte, desto mehr wuchs in ihm die Überzeugung, dass er sich auch alleine durchbringen würde. Eines Tages dann lief er heimlich davon.

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