Hallo, liebe Projektler,
als ersten Beitrag habe ich eine Kurzgeschichte eingestellt und bin gespannt,ob sie euch gefällt und bitte um schonungslose Kritiken.
Viele Grüße
Fritz
Kleiner Mann,was nun?
Durch die Helligkeit geweckt, fuhr Rolf im Bett hoch und schaute auf die Uhr. Mist, ich habe verschlafen, stellte er grimmig fest.
Hastig stand er auf, stopfte sich Kuchen in den Mund, schnappte die Aktentasche, knallte die Tür hinter sich zu und sprang die Treppen hinunter. Bis zur U-Bahn war es nicht weit.
Wenn mir die Bullen bloß nicht den Führerschein weggenommen hätten, eins Komma acht Promille, damit fahre ich besser als mit zwei Tassen Kaffee. Auf dem Bau wird nun mal getrunken. Ständiger Ärger und weit weg von der Frau. Schon vierzehn Tage war ich nicht zu Hause... Ein Auto hupte, als Rolf gedankenverloren über die Straße ging. Er zuckte zusammen und hob entschuldigend den Arm. Kopfschüttelnd fuhr der Fahrer weiter.
Rolf Kühn war Bauleiter, Anfang vierzig und ähnelte Jürgen von der Lippe. Auf der Baustelle empfing ihn der Lärm ratternder Bohrgeräte, wummernder Pumpen und kreischender Sägen. Kühn schloss seinen Büro-Container auf. Es roch muffig. Er öffnete das Fenster. Der Lärm vermischte sich mit den lauten Stimmen ausländischer Arbeiter. Hier wird wohl bald kein Deutsch mehr gesprochen, stellte er bekümmert fest. Nur mit einigen polnischen Vorarbeitern war eine notdürftige Verständigung möglich.
Ein LKW wirbelte Staub auf, Kühn schloss hustend das Fenster, setzte sich an seinen mit Zeichnungen und Akten überladenen Schreibtisch und trommelte mit seinen Fingern. Dieser pingelige Bauüberwacher, seine Mängelliste raubt mir noch die
Nerven...und die Termine, der hat wohl Tinte gesoffen, dieser Hochschulabsolvent, will sich wohl beweisen? Verärgert über-
flog Rolf den Text nochmal und kraulte nachdenklich in seinem Bart. So ein spitzfindiger Bürokratiekram, sein Gesicht verzog sich verächtlich.
Die Tür wurde aufgerissen, sein Polier Willi aufgeregt und außer Atem:
„Die Polen ha-haben die Be-betonage verpfuscht. Die Schalung ist umgekippt, der Be-beton liegt auf einem Haufen!“
Rolf schüttelte heftig den Kopf. Die Termine, die Termine, wir sind ohnehin schon zurück und nun das noch, dachte er.
„Willi, schicke mir mal den Koslowski her.“
Ein schwaches Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken.
„ Herein!“
Verschüchtert trat Koslowski ein.
„Wir haben...
„Ich weiß schon“, unterbrach er ihn barsch.„Sowas darf einfach nicht passieren!“, sagte er und haute auf den Tisch, dass die Kaffeetasse hochsprang.
„Aber...“,versuchte es der Pole erneut.
„Nichts aber!“, sein Gesicht lief rot an. „Ihr betoniert neu, aber zack, zack, verstanden?“, sagte er zornig.
„Ja“, erwiderte der Pole eingeschüchtert und ging hinaus.
„Das Material ziehe ich vom Lohn ab und wenn das nochmal passiert, schmeiße ich euch alle raus!“, rief Rolf ihm laut hinter-
her. Die langjährige Arbeit auf den Baustellen hatten ihn hart werden lassen. Hinzu kam, dass er bei seiner einsachtundsechziger Körpergröße ehrgeizig darauf bedacht war, zu zeigen, dass die Kleinen die Größten sind. Und Rolf war eitel, trug zu besonderen Anlässen Plateau-Schuhe, die ihn einige Zentimeter größer erscheinen ließen. Seine Bekannten nannten ihn ,Bonsai’
und manchmal auch hämisch ,Erotomane’. Kurz vor Feierabend rief Rolf Willi an: „Kommst du heute abend mit ins Linden-Corso, ich habe schon einige Tage nichts Ordentliches gegessen.“ Als Willi herumdruckste und sagte: „Teuer, Teu-er...unterbrach er ihn.
„Ich bezahle, alles klar“, und legte auf. Als Rolf ins Restaurant kam, saß Willi schon vor einem Bier. Rolf setzte sich zu ihm und schaute in die Runde. Am Tisch gegen-über saßen einige Frauen, die vergnügt schwatzten und geckerten.
Der Kellner kam mit der Karte. Ohne sie anzuschauen, bestellten sie Eisbein und Bier.
„Das ist ja ein Gedicht“, sagte Willi, als er das Eisbein probierte. „Rosig und zart wie ein Kinderpopo. Hm, das Erbspürree und das Sauerkraut, fantastisch.“
Beim Essen spürte Rolf den Blick einer Frau vom Tisch gegenüber. Sieht nicht übel aus, so Mitte dreißig, große Oberweite, stellte Rolf fest. Als er zurückschaute, wich sie seinem Blick aus. Rolf bestellte noch Bier und Korn und fragte den Kellner: „Was ist das denn für eine Runde“, und deutete mit dem Kopf zum Tisch gegenüber. „Das sind Kindergärtnerinnen“, sagte er abfällig mit herunterhängenden Mundwinkeln.
„Mensch, hat die einen Hintern“, sagte Rolf, als die Frau mit einer anderen zur Toilette ging. Willi hatte seinen stechenden Blick bemerkt und sagte:
„Wenn du einen Weiberarsch siehst, setzt dein Verstand aus....“
Rolf unterbrach ihn: „Willi, ich bin über zwanzig Jahre verheiratet, da ist alles eingefahren und zur Routine geworden.“
„Geh mal in’n Puff!“
„Da war ich schon, nichts für mich!“
„Na, manche machen zur Abwechslung Partnertausch, oder gehen in den Swinger-Club.“
„Auch Käse, ich will erobern, wenn ich eine rumgekriegt habe, ist das wie ein Rausch. Das bringt Schwung ich mein Leben.“
„Und wenn deine Frau davon erfährt?“
„So ein Quickie kann doch unsere Ehe nicht gefährden, solche Abenteuer sollen sogar die Ehe erfrischen. Irgendwo habe ich gelesen ,Jeder Mensch, und mag er noch so fein sein, muss auch mal ein kleines Schwein sein.’...“ Rolf wurde durch die von der Toilette kommenden Frauen unterbrochen. Beide lächelten ihm zu. Rolfs Gesicht errötete vor Verwirrung. Ob sie was mitbekommen haben, fragte er sich. Willi zeigte mit dem Zeigefinger auf Rolf und sagte mit hochgezogenen Augenbrauen:
„Du hattest mit deinen Quickies auch Probleme!“
„Wieso?“
„Die Praktikantin war damals so verknallt, du wusstest nicht, wie du sie wieder loswerden solltest.“
Rolf winkte lässig ab: „Alles Geschichte. Willi, ich weiß nicht, da schaut mich das Weib wieder an, wie soll ich an die herankommen?“ Willi blickte hinüber und sagte: „Mein Bruder hat mir mal einen Trick verraten...“
„Los erzähl mal!“
„Also, du schaust sie an, zwinkerst ihr zu und deutest mit einer Kopfbewegung zum Ausgang. Dann gehst du raus. Kommt sie nicht, haste Pech gehabt. Manchmal klappt es. Willi stand auf, klopfte Rolf auf die Schulter: „Bis morgen, sauf nicht so viel!“
Rolf trank sich mit noch einem Bier und einem doppelstöckigem Korn Mut an und bezahlte. Als die Frau ihn wieder ansah, fing er ihren Blick auf, zwinkerte und deute-te mit dem Kopf zum Ausgang.
Rolf trat auf die Straße und atmete die frische Berliner Abendluft ein, die Sterne funkelten am Himmel. Klick, klack, klick, näherten sich ihm Schritte. Langsam ging sie an ihm vorbei.
„Hallo, darf ich sie einladen?“, rief Rolf. Sie blieb stehen, drehte sich um und fragte:
„Wohin denn?“
„Hier in der Nähe ist ein gemütliches Tanzkaffee.“
„Na gut, ich kann aber nicht lange bleiben.“
Sie tanzten, tanzten, tranken Wein und noch mehr Wein. Beim nächsten Tanz flüster-te er ihr bittend ins Ohr:
„Kommst du mit zu mir?“ Sie sah ihm tief in die Augen. Ihr Nicken war kaum spürbar. Rolf spürte ein Kribbeln im Bauch. In seiner kleinen Wohnung machten sie es sich gemütlich, Rolf schenkte Rotwein ein und stellte romantische Musik an. Sie kuschelten miteinander, ihre Liebkosungen wurden stärker und erregten ihn immer mehr. Wie in einem Rausch warf er sie auf das Bett...
Danach schlief sie neben ihm ein. Rolf konnte nicht einschlafen, er hatte so ein ungutes Gefühl. Gleich am ersten Abend..., grübelte er und ging zur Toilette. An der Flur-garderobe hing ihre offene Handtasche. Er schaute hinein und fand ihre Adresse auf einem Brief. Schnell kritzelte er diese auf und legte sich beruhigt schlafen.
Als der Wecker klingelte, tapste er mit der Hand nach ihr. Sie war weg. Im Wohn-zimmer sah es zerwühlt aus. Rolf schlug die Hände vors Gesicht und wurde kreidebleich, als er sah, was sie alles mitgenommen hatte. Die Armbanduhr, seine Goldkette, die Videokamera und, und, und..., alles weg!
Aber ich habe ja die Adresse, sagte er sich erleichtert.
Als Rolf am nächsten Tag an ihrer Haustür klingelte, regte sich nichts. Er versuchte es noch mal..., nichts. Im Treppenhaus roch es stickig. Ein älterer Herr trat aus der Nebenwohnung und sagte freundlich:
„Die Frau wohnt nicht mehr hier, es waren schon einige Männer da, die auch zu ihr wollten.“ Rolf starrte den Mann mit großen Augen an und ließ die Schultern hängen.
„Es tut mir leid, ich glaube sie ist ein Flittchen.“, sagte der Mann traurig und ging in seine Wohnung zurück.
Kühn erstatte Anzeige bei der Polizei.
Nach einigen Wochen rief seine Frau an und sagte mit heulender Stimme: „Es ist ein Paket von der Polizei gekommen, alles mit Deinen Sachen, die dein Liebchen mitge-nommen hat, diese Schlampe. Und eine Erklärung der Kripo liegt auch bei. Dass du mir das antust! Ich ziehe zu meiner Schwester, den Rest erledigt ein Anwalt.“
„Regine, hör mal....
„Ich höre nicht, es ist nicht das erste Mal. Du bist ein Schürzenjäger und ein Schwein, jetzt reicht es mir!“ Noch bevor Rolf antworten konnte, hatte sie aufgelegt.
Ach du Sche..., dass die Kripo das zu mir nach Hause geschickt hat, ich habe doch meine Adresse in Berlin angegeben. Gedanken rasten durch seinen Kopf. Wie es der Zufall so will, es kann auch gut sein, nochmal was Neues anzufangen. Kämpfen um seine Frau,oder allein bleiben und Liebe à la carte?
Die Zukunft wird es zeigen, dachte er und kratzte sich am Hinterkopf.
Kleiner Mann, was nun?
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